Mittwoch, 19. Oktober 2016

Und manchmal, da muss man sich neu verlieben – vielleicht gleich zweimal...

Das Licht geht aus. Auf der Bühne beginnt jemand Klavier zu spielen.
Ein Schlagzeug setzt ein.
Die ersten Töne einer Gitarre erklingen.
Er beginnt zu singen. Wunderschön zu singen.
Ich bekomme Gänsehaut.
Und die Musik nimmt mich mit, vom ersten Ton an.
Lässt mich alles vergessen. Trägt mich fort.
Ich bin glücklich.
Und ich schaue neben mich und sehe: Du bist es auch.
Schön, dass du da bist.
Ich bin glücklich. Tief glücklich. Echt glücklich.
Dabei ist es nicht mein erstes Konzert. Dabei ist es nicht mein Lieblingssänger.

Aber ich habe mich neu verliebt. In das Leben.



Die Luft ist kühl. Der Himmel ist klar und blau. Die Bäume um mich herum strahlen in der Nachmittagssonne in gelb und orange.
Die Blätter unter meinen Schuhen knistern und ab und an stolpere ich über eine Kastanie.
Ich atme ein. Tief. Ganz tief.
Klare Luft strömt in meine Lunge.
Ich schließe die Augen. Fest. Ganz fest.
Und spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Nasenspitze.
Sie sind warm, aber nicht so stechend wie im Sommer, nicht so fordernd. Sanfter. Viel sanfter.
Ich bin glücklich.
Und ich schaue neben mich und sehe: Ihr seid es auch.
Schön, dass ihr da seid.
Ich muss lächeln. Ich kann lächeln. Ich darf lächeln. Nicht erzwungen. Nicht gestellt.
Denn ich bin glücklich. Tief glücklich. Echt glücklich.
Dabei ist es nicht mein erster Herbst. Dabei ist es nicht mein erster Spaziergang in einem herrlich bunten Blätterwald.

Aber ich habe mich neu verliebt. In das Leben.



Die Tür geht auf. Du stehst vor mir. Ruhig-wie immer.
Du spürst meine Unsicherheit, meine Angst, meine Zweifel.
Ich spüre deine Liebe, dein Vertrauen.
Dein Vertrauen darin, dass alles wieder gut wird.
Dein Vertrauen in uns.
Und wir reden. Weil wir reden können. Miteinander. Nicht gegeneinander.
Und du bist da. Und du hörst zu. Verständnisvoll, nicht vorwurfsvoll. Ruhig-wie immer.
Und wir umarmen uns. Und ich spüre deine Nähe. Deine Wärme. Deine Liebe.
Und ich spüre wie gut sie tut. Wie gut du tust.
Und ich weiß, dass wir das hinbekommen. Alles. Zusammen.
Und ich weiß, dass ich dich will, dass ich uns will.
Und ich schaue neben mich und sehe: Du willst es auch.
Und ich bin glücklich. Tief glücklich. Echt glücklich.
Und wir küssen uns und ich habe wieder Schmetterlinge im Bauch und eine Gänsehaut am ganzen Körper.
Dabei ist es nicht unser erstes Date. Dabei ist es nicht unser erster Kuss.

Aber ich habe mich neu verliebt. In die Liebe.

Denn manchmal, da muss man sich neu verlieben. In die wunderbaren Dinge, die man vielleicht doch längst schon hat.


In das Leben, in die Liebe.  

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Ich bin gewachsen

Erste eigene Wohnung. Gut, eine WG. Aber trotzdem.
Meine.

Mein Zimmer. Mein Blick aus dem Fenster, auf die Straßenbahn, auf den alten Ahornbaum, der langsam beginnt sich in den schönsten Farben zu färben.

Es ist wird Herbst. Es beginnt ein neues Semester.

Mein Duft nach muffigem Altbau, wenn ich die Abstellkammer öffne. Mein Frösteln, wenn ich morgens den kalten Flur in Richtung Bad entlang tapse. Meine schiefen Bilder an der Wand.
Nicht perfekt. Aber Meins.

Es fühlt sich gut an etwas Eigenes zu haben. Erwachsen irgendwie.
Aber gut erwachsen.
Nicht beängstigend, erdrückend, luftabschnürend erwachsen wie sonst immer.

Wie oft habe ich mich gefragt, ob sich dieses Wort für mich jemals gut anfühlen kann - erwachsen.
Anscheinend kann es.
Langsam. Ganz langsam.

Wir nähern uns an. Geben unsere Feindschaft auf.
Langsam. Ganz langsam.
Ich kann ihm endlich in die Augen schauen.
Ohne klein zu werden. Ohne schreiend davonzulaufen.
Ich bin gewachsen. Nicht nur körperlich.
Ich bin bereit ihm die Hand zu reichen. Frieden zu schließen. Es kennen zulernen.
Langsam. Ganz langsam.

Ich bin bereit mir Meins aufzubauen.
Mein Leben, mein eigenes.
Und es fühlt sich gut an. Unabhängig. Frei.
Ich bin gewachsen. Nicht nur körperlich.

Es hat gedauert. Es wird noch dauern. Aber es ist im Werden.
Ich bin im Werden.

Und Mama, Papa, ich versichere euch (-Oder versichere ich es doch mir?-) Ich liebe euch noch genau so sehr wie vorher und ich werde immer gerne nach Hause kommen.
Weil man Eltern braucht. Weil man Kind-sein braucht. Weil man Zu Hause braucht. Aber irgendwann einfach anders. Und irgendwann ist vielleicht jetzt - ohne vielleicht.
Weil man wächst. Nicht nur körperlich.

Ich will nach Hause kommen, aber ich will auch Meins haben.

Mein Zimmer. Mein Blick aus dem Fenster, auf die Straßenbahn, auf den alten Ahornbaum, der sich langsam in den schönsten Farben färbt. Mein Duft nach muffigem Altbau, wenn ich die Abstellkammer öffne. Mein Frösteln, wenn ich morgens den unbeheizten Flur in Richtung Bad entlang tapse. Meine schiefen Bilder an der Wand.
Nicht perfekt. Aber Meins. Mein Leben, mein eigenes.


Und ich will weiter wachsen.
Langsam. Ganz langsam.